ICOS Name of
the Month
Archive:
Motlalepula
Brighton
REGENSBURG
Regensburg liegt am nördlichsten Punkt der Donau. Die Stadt geht auf eine
Gründung der Römer zurück, sie ist heute Hauptstadt des bayerischen
Regierungsbezirks Oberpfalz, Sitz der Fürsten von Thurn und Taxis, hat
einen berühmten Dom, in dem die Regensburger Domspatzen singen.
Ihr Name hat nichts mit dem Regen, der vom Himmel fällt, zu tun - wie oft
spaßhaft angenommen wird -, sondern mit dem hier in die Donau mündenden
Fluss Regen. Der Name des aus Tschechien kommenden Flusses begegnet
bereits anno 819 (Kopie 9. Jh.) in einer Traditionsurkunde in
althochdeutscher (altbairischer) Gestalt als Regan. Allerdings
scheint
Regin, lateinisch Reginus, der einzige und ursprüngliche
Name für
den
Fluss Regen gewesen zu sein, und nicht Regan, worin die erste
Anspielung
des Fluss- und des Stadtnamens auf das Nass vom Himmel (althochdeutsch
regan) fassbar wird. Auch der Name des am Regen gelegenen
Stadtteils
Reinhausen (1007 Regin-husen) enthält die ursprüngliche Form des
Flussnamens. Obwohl auf der Bauinschrift für das gewaltige Legionslager,
das die Römer an der Regen-Mündung 179 n. Chr. errichteten, kein Name
verzeichnet ist, wissen wir, dass der gesamte Siedlungskomplex bei den
Römern Regino hieß. Sowohl auf einer spätrömischen Straßenkarte als
auch
im Itinerar des Kaisers Antoninus, die beide im Kern die Verhältnisse des
beginnenden 3. Jahrhunderts n. Chr. wiedergeben, ist Regino (=
Regensburg)
eingetragen. Was liegt näher als die Annahme, dass die Römer ihr
Legionskastell nach dem Fluss benannten, an dessen Mündung in die Donau es
errichtet worden war. Regino ist ein lateinischer Ablativ
(Lokativ),
der
`am Regen' bedeutet. Das heißt, dass der Name des Flusses im Nominativ
lateinisch Reginus lautete. Dass eine andere spätrömische Quelle,
die
Notitia dignitatum occidentalium, aus der Zeit um 430 n. Chr., das
Legionslager Castra Regina und nicht **Castra Regino nennt,
kann
durch
Verschreibung bzw. durch Anpassung der Endungen erklärt werden. Aber es
besteht auch die Möglichkeit, dass der Flussname sowohl maskulin
(*Reginus) als auch feminin (*Regina) verwendet wurde.
Unstrittig ist,
dass sich sowohl die Namensform Regino als auch die Namensform
Regina
zumindest im schreibsprachlichen Gebrauch aus der Antike ins Mittelalter
retten konnten. Regina civitas kommt in der Lebensbeschreibung des
hl.
Bonifatius (circa a.765) ebenso vor wie in Diplomen der Karolinger und
noch in Annalen des 12. Jahrhunderts. Die Wichtigkeit der Namensform
Regino wird darüber hinaus durch die Tatsache unterstrichen, dass
sie
die
Grundlage für das tschechische Exonym Řezno für Regensburg
bildet.
Hinter dem Flussnamen *Reginos/Regen steckt - wie in anderen
Gewässernamen
Europas - eine indogermanische Wurzel *reg- mit der Grundbedeutung
`feucht sein' (vgl. lateinisch rigare `bewässern', isländisch
rakr
`feucht'). Der
mit *Reginos am nächsten verwandte Flussname ist der der Rench
(1291
rivus ... Reineche), rechts zum Rhein im Ortenaukreis (Baden-Württemberg),
entstanden aus *Reginika. Ferner sind verwandt die Flussnamen
(1170)
Rega,
ein Küstenfluss zur Ostsee in Hinterpommern; (1212) Regala, ein
Oderarm
bei Stettin; Rye, ein Fluss in Yorkshire (England), <
*Regia;
Rienz, links
zum Eisack bei Brixen (Südtirol), < *Regontia. Das
Vergleichsmaterial
reicht aber nicht aus, um *Reginos eindeutig für keltisch zu
erklären.
Deshalb kategorisiert man die Namengruppe um *Reginos als
`voreinzelsprachlich-indogermanisch'.
Nachdem das gewaltige Kastell in die Hände germanischer Siedler
übergegangen ist und sie darin selbst Schutz finden, nennen sie den Ort
Reganes burg `befestigte Siedlung gegenüber dem Regen'. Das
germanische
Grundwort -burg deutet auch in den Namen der alten römischen
Siedlungen
Augsburg und Salzburg auf aus der Römerzeit befestigte Siedlungen hin.
Anders als bei Salzburg und Augsburg kann man aber bei Reganesburg eine
germanisch-altbairische Übersetzung des lateinischen Namens Regino
castra
`Lager am Regen' vermuten, in der der ursprüngliche Ablativ-Lokativ als
Genitiv übersetzt wurde.
Fast gleichzeitig taucht der altbairische Name Reganesburg an drei
wichtigen bairischen Orten auf: nämlich in der zweiten Hälfte des 8.
Jahrhunderts in einer Schenkungsurkunde für das Kloster St. Emmeram in
Regensburg, im Kloster Mondsee und in Salzburg. In den Urkunden der
Karolinger finden wir dann Reganesburg als den normalen Namen für
Regensburg. Reganesburg, aus dem die heutige offizielle Namensform
(mundartlich Rengschburg) direkt entstanden ist, wird im
Mittelalter
allerdings immer wieder als volkssprachlich abgetan, und er hat es von
daher schwer, in lateinisch verfasster Geschichtsschreibung Fuß zu fassen.
Dennoch steckt zumindest hinter den Erfindungen Imbripolis und
Hyatospolis
die Übersetzung des deutschen Namens Reganesburg, und zwar wurden
griechisch -polis mit -burg identifiziert und lateinisch
Imbri-
bzw.
griechisch Hyatos- mit Imber, dem latinisierten Namen des
Flusses
Regen.
Kaum zu klären ist die Herkunft des zweiten Namen Radaspona. Er
begegnet
zum ersten Mal in der vor dem Jahr 768 von Bischof Arbeo von Freising
verfassten Vita des hl. Emmeram. Die älteste Handschrift, in der die Vita
überliefert ist, stammt aus dem frühen 9. Jahrhundert. Radaspona
heißt
bei
Arbeo die prächtige Stadt, in der der bairische Herzog zur Zeit Emmerams,
also in der zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts, residierte. Offen muss
vorerst die Frage bleiben, wie Arbeo an den Namen Radaspona kommen
konnte,
der ja nicht der offizielle Name Regensburgs zur Zeit der Römer war.
Sollten romanisierte Germanen im Schutz der römischen Mauern den alten,
zivilen Namen über den Untergang der Römerherrschaft hinweg gerettet haben
oder handelt es sich um ein vielleicht romanisches Exonym für Regensburg?
Möglich ist, dass Radaspona aus der Salzburger Romania stammt. Auch in
der
Vita des hl. Rupert, die in Salzburg etwa um 790 n. Chr. entstanden sein
dürfte, heißt Regensburg nämlich Radesbona. Ebenso könnte Arbeo das
Muster, neben den germanischen Namen (Reganesburg) einen
altehrwürdigen
`romanischen' Namen (Radesbona) zu stellen, aus Salzburg (das auch
Juvavum
genannt wurde) übernommen haben. Neuere Forschungen erhärten die alte
Vermutung, dass es sich bei Radaspona um einen keltischen Namen
handelt.
Radaspona geht vermutlich auf eine sprechsprachliche
(frühromanische)
Form
Radesbona, altbairisch *Ratespona (mit Lautverschiebung
[-d-] >
[-t-], [-b-]
> [-p-]) zurück. Die keltische Namensform dürfte ähnlich
wie Vindobona/Wien ursprünglich *Ratasobona gelautet haben, was
man
als
`Wohnort eines Ratasos' übersetzen kann. Radesbona könnte - mit
Synkope
des dritten Vokals - der Name einer Siedlung an der Stelle oder in der
Nähe des späteren Legionslagers gewesen sein, das die Römer Regino
nannten. Man muss allerdings annehmen, dass Arbeo mit Radaspona
eine
bairisch-romanische Mischform in seine Emmerams-Vita übernahm.
Ratisbona,
die Form des Namens, die dem vermutlich keltischen Namen
*Ratas(o)bona am
nächsten steht, wird dann auch der kirchensprachliche Name Regensburgs,
der sich in den Formen Ratisbona, Ratisbonne und
Ratyzbona nach
Italien,
Spanien, Frankreich und Polen ausbreitete.
Albrecht Greule
